Omission Bias

Die Studie von Ritov & Baron zum Unterlassungseffekt

Wissen zu Ergebnissen und Auswirkungen auf Entscheidungen
Experiment zu Risiken und Impfskepsis
Praktische Schlussfolgerungen und Empfehlungen für Organisationen
Alle Studien

Manche Entscheidungen verlangen nach Reflexion – und führen oft zu Zögern. Stell dir vor, du hast in einem Unternehmen eine wichtige Entscheidung zu treffen: Sollen wir eine neue Technologie einführen, die die Effizienz erheblich steigern könnte, aber ein gewisses Risiko birgt? Das ist eine Situation, die regelmäßig zu einem Zögern führt. Eine aktive Wahl mit negativem Ausgang wird als schlimmer gesehen als das Festhalten am Status quo – selbst wenn Inaktivität langfristig zu negativeren Konsequenzen führt. Was haben Impfgegner, Prokrastination und Entscheidungsschwäche damit zu tun?

Das Zögern bei einer aktiven Entscheidung ist tief im Omission Bias (Unterlassungseffekt) verwurzelt – einer kognitive Verzerrung, bei der Menschen schädliche Handlungen negativer bewerten als schädliche Unterlassungen, selbst wenn die Konsequenzen identisch sind. Die Studie von Ritov & Baron (1995) untersucht, wie erwartete Reue und Wissen über Ergebnisse diesen Bias beeinflussen und welche Folgen dies für Entscheidungen in Wirtschaft und Ethik hat.

Hintergrund: Die psychologischen Wurzeln des Omission Bias

Entscheidungen sind in der Regel mit Unsicherheiten verbunden. Dennoch bewerten Menschen ihre Entscheidungen oft nicht anhand der verfügbaren Informationen, sondern anhand dessen, was hätte sein können. Frühere Forschungen (z. B. Kahneman & Tversky, 1982) zeigen, dass Handlungen mit negativen Folgen strenger beurteilt werden als Unterlassungen mit denselben Konsequenzen.

Warum ist das so?

  • Handlungen erscheinen kausaler: Menschen begreifen ihre Verantwortung für die Konsequenzen ihrer Entscheidungen als direkter, wenn sie diese aktiv treffen.
  • Angst vor Reue: Eine falsche Handlung führt oft zu stärkerer Reue als eine falsche Unterlassung.
  • Soziale Wahrnehmung: Wer aktiv eine Fehlentscheidung trifft, wird oft stärker zur Rechenschaft gezogen als jemand, der nichts tut.

Auf dieser Grundlage untersuchten Ritov & Baron, wie das Wissen über Ergebnisse den Omission Bias beeinflusst. Sie stellten die Hypothese auf, dass Menschen eine größere Reue für Handlungen als für Unterlassungen erwarten – und dass dieser Effekt stärker wird, wenn sie die Möglichkeit haben, das Ergebnis der nicht gewählten Alternative zu erfahren.

 

Tipp: Im Kurs Risiko widmen wir uns am Beginn der Frage, was der Unterschied zwischen Unsicherheit, Ungewissheit und Risiko ist. Viele Menschen vermischen diese Begriffe bzw. handhaben sie unzureichend – auch in Unternehmen.

Experimente: Die Rolle von Reue und Wissen über Ergebnisse

Die Autoren führten mehrere Experimente durch, um die Auswirkungen des Unterlassungseffekts in wirtschaftlichen und risikoreichen Entscheidungen zu untersuchen. Zwei davon sind besonders relevant für die Praxis.

 

Experiment 1: Entscheidungsfindung in Produktionsprozessen

Ein Experiment untersuchte, wie Manager Entscheidungen in unsicheren Situationen bewerten. Die Teilnehmer wurden gebeten, sich vorzustellen, sie wären Manager zweier Produktionswerke. Eine neue Technologie versprach eine effizientere Produktion – ohne zusätzliche Kosten. Jeder Manager hatte die Freiheit zu entscheiden, ob er die Änderung umsetzt oder nicht.

Die Ergebnisse zeigten:

  • Vor dem Bekanntwerden der Ergebnisse waren Manager, die die neue Technologie eingeführt hatten, zufriedener als diejenigen, die nichts taten.
  • Sobald sie das Ergebnis kannten, blieb die Zufriedenheit hoch – es sei denn, sie erfuhren, dass Inaktivität die bessere Wahl gewesen wäre.
  • Mit vollständigem Wissen (beide möglichen Ergebnisse bekannt) fühlten sich Manager, die gehandelt hatten, aber dadurch einen schlechteren Ausgang erzielten, deutlich schlechter als diejenigen, die untätig geblieben waren.

Das zeigt: Das Wissen über die verpasste Alternative verstärkt den Omission Bias. Manager bereuten ihre aktive Entscheidung, sobald sie erfuhren, dass Nichtstun das bessere Ergebnis gebracht hätte – und bevorzugten in zukünftigen Entscheidungen eher Inaktivität.

Experiment 2: Risikowahrnehmung und Beurteilung von Impfungen

Ein weiteres Experiment untersuchte Entscheidungsprozesse in einem medizinischen Kontext mit klaren Parallelen zum Risikomanagement in Unternehmen.

Die Teilnehmer sollten entscheiden, ob sie Kinder gegen eine potenziell tödliche Grippe impfen. Der Impfstoff war gut erforscht, günstig und hochwirksam – trug jedoch ein geringes Risiko tödlicher Nebenwirkungen.

Es wurden drei Gruppen getestet:

  1. Kein Wissen: Die Teilnehmer würden nie erfahren, welche Kinder überlebten oder starben.
  2. Teilweises Wissen: Sie erfuhren, welche Kinder starben – aber nicht, ob sie mit einer anderen Entscheidung überlebt hätten.
  3. Vollständiges Wissen: Sie erfuhren die genauen Ergebnisse sowohl für geimpfte als auch ungeimpfte Kinder.

Die Ergebnisse waren eindeutig:

  • Je mehr Wissen die Entscheidungsträger besaßen, desto stärker die Ausprägung des Unterlassungseffekts.
  • In der vollständigen Wissensgruppe waren sie weniger bereit, zu impfen – aus Angst, Reue zu empfinden, falls die Impfung einen Schaden verursachte.
  • In der Gruppe ohne Wissen war der Omission Bias am schwächsten – hier trafen sie ihre Entscheidung auf Basis rationaler Risikobewertung.

 

Für Unternehmen bedeutet das: Je mehr Entscheidungsträger befürchten, dass ihre Wahl im Nachhinein kritisiert wird, desto eher vermeiden sie aktive Entscheidungen – selbst, wenn diese objektiv die bessere Wahl wären.

 

Impfgegner in der Pandemie

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Implikationen für Wirtschaft und Unternehmen

Die Studie von Ritov & Baron liefert wichtige Erkenntnisse darüber, wie der Omission Bias die Entscheidungsfindung in Unternehmen beeinflusst.

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Fazit – der Omission Bias führt leicht zu Untätigkeit

Der Unterlassungseffekt ist ein unbewusst wirksames Phänomen, das leicht Untätigkeit hervorruft, obwohl aktives Entscheiden gefragt wäre. Es verstärkt somit das Problem, von dem viele Menschen berichten: Prokrastination und Entscheidungsschwäche.

Die Studie von Ritov & Baron liefert wertvolle Ansatzpunkte dafür, was die Hintergründe des Omission Bias sind. Dessen Auswirkungen betreffen uns sowohl als Einzelperson – entweder bin ich selbst betroffen oder von einer Entscheidung anderer abhängig – als auch in Unternehmen. Wir haben daneben gesehen, dass sich gesellschaftliche Phänomene (etwa Impfgegner in der Pandemie) aus der Studie heraus erklären lassen.

Es bietet sich an, effektive Gegenmaßnahmen zu ergreifen bzw. diese in strukturellem De-Biasing zu verankern. Welche dies sein können, thematisieren wir im Kurs „Entscheidungsschwäche – einfach überwinden“ ebenso wie andere Wege zu besseren und schnelleren Entscheidungen.

 

Alle Links, die wir im Text verwendet haben

https://de-biasing.com/fachbegriffe/filterblase-filter-bubble-effect-wie-er-uns-einschraenkt/

https://de-biasing.com/verfuegbarkeitsheuristik-availability-bias/

https://de-biasing.com/courses/risiko/

https://de-biasing.com/fomo-fobo-entscheidungsschwaeche-ueberwinden/

 

Weiterführende Quellen:

  • Ritov, I., & Baron, J. (1995). Outcome knowledge, regret, and omission bias. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 64(2), 119-127.
  • Baron, J., & Ritov, I. (2004). Omission bias, individual differences, and normality. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 94(2), 74-85.
  • Kahneman, D., & Tversky, A. (1982). The psychology of preferences. Scientific American, 246(1), 160-173.

 

 

 

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