Unconscious Bias oder kognitive Verzerrung

Ein unbewusstes Phänomen beeinflusst uns mehr als wir glauben

Was sind Kennzeichen von Unconscious Biases
Wie wirken sich Biases aus
Welche Kategorisierung von Biases aus praktischen Gründen sinnvoll ist
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Diese Plattform hat zum Ziel den Umgang mit Biases im täglichen Leben zu verbessern. Doch was ist eigentlich ein Unconscious Bias bzw. eine kognitive Verzerrung? Was sind Merkmale und inwieweit sind sie für uns relevant? Der englische Begriff „Bias“ findet auch im deutschsprachigen Raum mehr und mehr Anwendung. Immer wieder wird behauptet, dass jemand „gebiased“ ist, wenn eine bestimmte Verhaltensweise oder Entscheidung beurteilt wird – kann man das so ohne weiteres behaupten? Was meint man damit?

Wir starten am Beginn und stellen uns die Frage, worum es bei diesem fundamentalen Begriff eigentlich geht.

Welche Merkmale hat ein Bias? Unsere Unconscious Bias Definition

Es gibt verschiedene Übersetzungen bzw. Anwendungsfälle des englischen Begriffs „Bias“ (für alle daran Interessierten siehe den kleinen Exkurs am Ende dieses Artikels). Im Bereich der Psychologie finden sich ebenfalls immer wieder verschiedene Definitionen – wir verstehen folgende Merkmale als Kennzeichen eines Bias:

  • eine fehlerhafte und
  • systematische Abweichung, die auf
  • kognitiven Heuristiken basiert,
  • meist unbewusst bleibt und
  • zu einem gewissen Grad vorhersehbar ist.

Im Ergebnis bedeuten diese Merkmale, dass unbewusste Muster, Angewohnheiten bzw. Problemlösungswege (Heuristiken) potentielle Ergebnisse hervorrufen, die entweder:

  • objektiv falsch,
  • irreführend oder
  • nicht in unserem Interesse sind.

Die Abwesenheit des jeweiligen Bias würde ein Ergebnis hervorbringen, bei dem diese negativen Ausprägungen nicht vorhanden wären.

Wir verwenden auf unserer Plattform die englische Form Bias, nicht deren übliche deutsche Übersetzung kognitive Verzerrung (die etwa auf Wikipedia gebraucht wird). Dies hat vor allem damit zu tun, dass es bei einem Bias primär um eine Abweichung zu einem besseren Ergebnis geht. Deutsche Übersetzungen des Begriffs (neben kognitive Verzerrung auch Denkfehler, Vorurteil oder Denkfallen) sind negativ konnotiert. Ein Bias muss aber nicht immer und überall negativ wirken, häufig sind Biases praktisch egal – die negativen Auswirkungen sind immer eine Frage des spezifischen Kontexts.

Empfehlung: Unser grundlegender Kurs “Einführung in die Welt der Unconscious Biases“ behandelt die Hintergründe für die Entstehung von Biases vertiefend. Er bietet die Möglichkeit Biases kennenzulernen sowie im Zusammenspiel mit anderen erste Lösungsansätze für zentrale Biases (etwa den Bestätigungsfehler) zu finden.

Die Relevanz von kognitiven Verzerrungen und Unconscious Bias Beispiele

Wir sind Menschen, wir haben Biases.

Unsere Muster haben sich im Laufe der Evolution gut bewährt, unser Autopilot funktioniert die meiste Zeit. Unsere Intuition ist etwas Wertvolles – wir treffen fast alle Entscheidungen unbewusst, schnell und automatisch und liegen dabei meist richtig – aber nicht immer. Dieselben Muster können uns geistig falsch abbiegen lassen, der Autopilot macht manchmal Fehler. Dann sprechen wir von einem Bias. Der Kontext ist dabei entscheidend – er spielt die Hauptrolle, ob der Bias negativ wirkt. Er ist entscheidend, ob der Bias relevant ist bzw. wie er sich auswirkt. Beispiele:

  • Der Bestätigungsfehler (Confirmation Bias) führt dazu, dass wir Informationen, die unserer Meinung entgegen stehen, weniger stark wahrnehmen. Dies ist dann relevant, wenn uns unsere Meinung potentiell schaden kann – ansonsten aber nicht.
  • Gruppendenken (Group Think) führt im Unternehmenskontext dazu, dass signifikante Fehlentscheidungen getroffen werden können, die im schlimmsten Fall zum Untergang der Organisation führen können. Jedoch ist nicht jede Managemententscheidung gleich wichtig.
  • Beim Hindsight Bias interpretieren wir unsere Kompetenz bei früheren Entscheidungen falsch, wodurch Lernen aus der Vergangenheit vereitelt wird. Der Effekt vieler Entscheidungen ist jedoch nicht sehr groß, die Auswirkung des Bias ist außer einer zu guten Meinung zur eigenen Kompetenz nicht notwendigerweise groß.

 

Viele Biases sind praktisch egal – entscheidend ist zu erkennen, wann sie es nicht sind und was man konkret anders machen kann. Diese Kompetenz bauen wir gemeinsam aus.

Nebenbemerkung: Wir propagieren einen „entspannten“ Umgang mit Biases. Sie können vehemente Auswirkungen haben, dennoch empfiehlt sich im Umgang mit ihnen eine Haltung der Akzeptanz in Verbindung mit konstruktiver Neugier. Es geht nicht darum uns quasi selbst zu geißeln, wenn wir einen neuen Bias bei uns entdecken. Wir können seine (möglichen) Auswirkungen am besten mindern bzw. stoppen, wenn wir situative Gegenmaßnahmen erarbeiten. Der De-Biasing Prozess hat genau das im Fokus.

Die Auswirkungen von Unconscious Biases

Die praktische Bedeutung von Unconscious Biases liegt in ihrer Fähigkeit, das Verhalten und die Entscheidungsfindung von Menschen zu beeinflussen, ohne dass diese sich dessen bewusst sind. Dies führt zu nachteiligen Auswirkungen auf

  • individueller,
  • zwischenmenschlicher und / oder
  • organisatorischer Ebene.

Die praktische Konsequenz von relevanten Biases ist, dass ein negativer Effekt auf die jeweilige Person oder deren Umfeld, etwa dieFamilie oder das Arbeitsumfeld, eintritt. Die Person ist sich des Bias in der Regel nicht bewusst und glaubt in der konkreten Situation neutral und richtig zu handeln. Das Phänomen des “bias blind spot” bedeutet, dass Menschen oft ihre eigenen Biases nicht erkennen und sich selbst als objektiv und rational betrachten, obwohl sie in Wirklichkeit von kognitiven Verzerrungen geleitet werden.

Diese Eigenschaft des unbewussten Faktors – häufig die problematischste – bedeutet, dass wir aufgrund der schnellen Arbeitsweise unseres Gehirns die Abweichung bzw. den Fehler nicht selbst erkennen.  Wir sehen in der Regel die Konsequenz des Bias, etwa ein Ergebnis, das nicht unserer Erwartung entspricht. Der Grund der Abweichung – der konkrete Bias – bleibt im Verborgenen.

Wir brauchen daher andere Menschen, um unsere Biases erkennen zu können – dies ist ein wesentlicher Grund, warum es diese Plattform gibt.

Die konkreten Auswirkungen von Biases hängen ab vom:

  • jeweiligen Bias bzw. dessen Wirkungsweise,
  • dem konkreten Kontext, der für die Relevanz zentral ist, und
  • welches Anwendungsfeld berührt wird.

Der letzte Punkt ist praktisch relevant. Wir brauchen für De-Biasing Maßnahmen das richtige Verständnis dafür, welches Anwendungsfeld der jeweilige Bias beeinflusst. Wir haben dafür ein eigenes Klassifikationssystem entwickelt, um die Theorie der Biases in der Praxis umsetzen zu können.

Nebenbemerkung: Eine weitere Eigenschaft von Unconscious Biases ist deren Vorhersagbarkeit, die ausgenutzt werden kann. Eine Person, die sich Kenntnisse um kognitive Verzerrungen aufgebaut hat, kann diese zum eigenen Vorteil nutzen, falls deren Gegenüber diese fehlen. Biases können bewusst „getriggert“ werden – wir sprechen für „Re-Biasing“. Yuval Harari führt in „21 lessons for the 21st centrury“ aus, dass es in unserem Eigeninteresse liegt, möglichen Manipulationsversuchen vorzubeugen. Die Beschäftigung mit Biases und das Festlegen von De-Biasing Maßnahmen gehört für ihn hier als eine der wichtigsten Maßnahmen dazu.   ​

Bias-Übersicht und praktische Ansatzpunkte

Mithilfe einer schnellen Internet-Recherche, etwa auf Wikipedia, lässt sich die Anzahl unbewusster Biases rasch feststellen. Es werden ca. 200 verschiedene Spielarten von Unconscious Biases unterschieden. Zwecks besserer Übersicht entstanden verschiedenste Versuche sie in Kategorien einzuordnen. Diese Gliederungen entstammen in der Regel der psychologischen Theorie oder werden sehr spezifischen Anwendungsfeldern (etwa sehr häufig Diversität & Inklusion) zugeordnet. Diese Klassifikationen bieten gute Übersichten bei bereits bestehendem Fachwissen oder reduzierten inhaltlichen Interessen. Sie befriedigen jedoch nicht

  • aus praktischer Sicht, insbesondere aus der Unternehmensperspektive und
  • um die große Anwendungsbreite von Unconscious Biases zu würdigen.abbildung der fuenf anwendungsfelder für de-biasing

Wir haben zur Gliederung folgende Anwendungsfelder definiert: 

  • Wahrnehmung
  • Beurteilung
  • Entscheidung
  • Interaktion
  • Umsetzung

Diese Kategorien verwenden wir sowohl zur Kategorisierung von Biases auf der Webseite (etwa im Bias Glossar) als auch bei Kursen und Anwendungsbeispielen.

Wir können so praktische Fragestellungen in Richtung der relevantesten Bereiche aufbrechen und dann im zweiten Schritt die dort wirksamen Biases identifizieren. Dies ist die Voraussetzung für wirksamen De-Biasing Maßnahmen. Beispiele:

  • Im Kurs Risiko widmen wir uns dem Risikomanagementprozess. In der zweiten Stufe Risikobewertung handelt es sich primär um die Frage der Beurteilung von Risiken. Entsprechend gehen wir bei den entsprechenden Biases in die Tiefe.
  • Bei einer Rekrutierungsgespräch stehen die Felder Wahrnehmung, Beurteilung und Interaktion im Fokus. Dies gibt Ansatzpunkte für De-Biasing.
  • In Managementmeetings geht es primär um Entscheidungen und Interaktion. Dies gibt wertvolle Anhaltspunkte dafür, welche Biases berücksichtigt werden sollten, um bei Meetings effektiver zu werden.

 

Empfehlung: Im Kurs “Einführung in die Welt der Unconscious Biases“ behandeln wir die fünf Anwendungsfelder näher und beschäftigen uns mit einigen Biases aus den Bereichen Wahrnehmung und Beurteilung.

Zusammenfassung und Empfehlungen

  • Unconscious Biases sind ein tief verwurzeltes, aber nicht zwangsläufig negatives Merkmal des menschlichen Denkens. Sie sind ein Nebenprodukt evolutionärer Mechanismen, die uns erfolgreich gemacht haben. Dennoch haben sie oft schädliche Auswirkungen. Die Anerkennung dieser Biases ist der erste Schritt, um ihnen entgegenzuwirken.
  • De-Biasing Strategien bieten die Möglichkeit, ihre negativen Auswirkungen zu reduzieren und eine bessere Entscheidungsfindung und Interaktion zu fördern.
  • Insgesamt sind Unconscious Biases ein komplexes und wichtiges Thema, das in vielen Aspekten des Lebens und der Gesellschaft eine Rolle spielt.
  • Die Fähigkeit, sie zu erkennen, zu verstehen und zu minimieren, ist entscheidend für viele Bereiche des (beruflichen) Lebens.
  • Die praktisch orientierte Kategorisierung von Biases in fünf Anwendungsfelder hilft, den Konnex zu konkreten Themen herzustellen.

Exkurs: Der Begriff Bias und seine Anwendungen

Zu guter Letzt noch ein wenig Erläuterung zum Bias-Begriff, deren Übersetzungen und zu verschiedenen Verwendungen. Der englische Begriff Bias findet in verschiedenen Feldern Anwendung:

  • Technik: Bias bedeutet hier eine konstante, einseitige Größe (etwa elektrischen Strom oder Spannung) bzw. eine Vormagnetisierung von Bandmaterial durch die Überlagerung eines hochfrequenten Signals bei der Aufnahme.
  • Mathematik: Eine Verzerrung, Messabweichung oder ein systematischer Fehler wird hier wie im Bereich der Technik als Bias bezeichnet. Diese systematische Abweichung von einem Standard findet auch im Bereich der Psychologie Anwendung.
  • Menschliches Handeln: Der englische Begriff wird hier verschieden übersetzt und bezeichnet etwa:
    • Einseitigkeit
    • Parteilichkeit
    • Tendenz oder Neigung
    • Befangenheit
    • Vorliebe
    • Vorurteil oder Voreingenommenheit
    • kognitive Verzerrung

 

Conclusio: Der Kontext sowie die jeweilige Übersetzung der oft englischsprachigen Texte ist zu beachten, wenn der Begriff Bias verwendet wird. Dies gilt auch für unser Anwendungsgebiet im Bereich der Psychologie – ein Vorurteil hat beispielsweise eine wesentlich enger gefasste Bedeutung als eine kognitive Verzerrung.

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