Was uns hindert, objektiv zu beurteilen – insbesondere bei Schulnoten
Es ist nicht angebracht, Lehrer:innen zu unterstellen, sie würden vorsätzlich bevorzugen oder benachteiligen. Die Lehrerin, die das Beispiel brachte, hat etwa sehr hohe Ansprüche, objektiv und gerecht vorzugehen und die Talente ihrer Schüler:innen zu fördern. In der Praxis gibt es für die Beurteilung von Arbeiten häufig wenig Zeit. Der Stapel muss rasch durchgearbeitet werden, innerhalb weniger Minuten werden die vorliegenden Kriterien angewendet und eine Note vergeben. Dann steht die nächste Arbeit an. Der Prozess wird oft als sehr stressig und intensiv empfunden.
Die Bilder im Kopf zur jeweiligen Person müssen nicht bewusst verwendet werden (im Sinne von: Schüler X hat bereits die letzten beiden Arbeiten sehr gut absolviert, darum benote ich diese auch so). Sie verzerren aber unbewusst und das relativ leicht. Daniel Kahneman berichtet dazu etwa, dass er bei der Benotung von Essays sehr homogene Resultate produzierte. Der Eindruck, den er von einer Studentin oder einem Studenten gewann, prägte die darauffolgenden Beurteilungen. Falls er Zweifels an der richtigen Beurteilung hatte, blieb er konsistent mit der vorigen Bewertung, anstatt eine andere Note zu vergeben. Der Effekt: Wenig Streuung in der Notengebung einer Person. Es gibt daher offensichtliche Verzerrungen in der Beurteilung, die ganz automatisch wirken – es liegt auf der Hand, zu überlegen, welche Biases hier besonders relevant sind.