Situationen außerhalb der eigenen Lebenswelt
Eine andere Lebenssituation, die meiner Wahrnehmung nach für europäisch sozialisierte Menschen schwer nachzuvollziehen ist, betrifft etwa die Situation arabischer Frauen, die in der Kopftuchfrage (nicht nur hier) häufig wirklich zwischen allen Stühlen sitzen. Eine junge Klientin aus einer strenggläubigen, muslimisch-arabischen Familie hat den unfassbar schwierigen Weg gewählt, sich von der eigenen Familie und den religiösen Normen zu distanzieren. Dies war nur mit Kontaktabbruch und dem Annehmen einer neuen Identität möglich, da dies für die junge Frau anders eine (Lebens-)Gefährdung gewesen wäre.
Nun könnte man meinen: „Ende gut, alles gut“ und die junge Frau zu ihrem Mut beglückwünschen. Diesen Mut benötigt die Klientin allerdings täglich aufs Neue. Als junge Frau mit deutlich sichtbar arabischer Abstammung ist sie beinahe täglich mit Männern konfrontiert, die sich das Recht herausnehmen, sie als arabische Frau ohne Kopftuch zu diffamieren oder auch zu bedrohen.
- Der Pizzabote, der an der Tür fragt, woher sie kommt und ob sie Muslima ist. Der sich mit ihrer ausweichenden Antwort nicht zufriedengeben will und sie bedrängt und denkt, ein Recht auf eine Antwort zu haben.
- Die jungen arabischen Männer, die ihr auf der Straße nachrufen und sie unflätig beschimpfen, weil sie ein T-Shirt mit Ausschnitt trägt.
Warum erzähle ich das? Weil diese junge Frau ihren österreichischen Freunden davon berichtet und dabei sagt, sie würde sich einmal wünschen, in einem Land ohne arabische Männer zu leben. Aus der Lebensgeschichte der Klientin ist das sehr verständlich.
Doch wie reagieren die österreichischen Freunde darauf? Die jungen Studenten und Studentinnen reagieren betreten und meinen, dass das doch rassistisch sei. Es ist ihnen peinlich, was sie hören, und es ist nicht mit ihrem Wertesystem vereinbar. Die junge Frau verstummt somit und bleibt mit Ihrem Erleben allein. Sie wird nicht verstanden, weil das Verstehen nur aus dem eigenen Wertesystem heraus erfolgt.
Diese beiden Erfahrungen stammen aus der Arbeit mit Klientinnen aus anderen Kulturkreisen, weil sie sich besonders deutlich darstellen lassen. Es gilt das Gleiche aber auch für soziale Lebensumstände, die einem selbst fremd sind, wie etwa Armut. Deren Auswirkungen kann man nicht ausschließlich erfassen, wenn man aus der eigenen Erfahrung darauf blickt. Man muss aufmerksam zuhören und verstehen, dass eigene Erfahrungen und Wertesysteme den Blick auf das Gegenüber verstellen können.