Falsche Einschätzung der eigenen Kompetenz – der Dunning-Kruger Effekt
Du kommst beim Lernen der neuen Sprache – Spanisch – gut voran. Es fällt dir relevant leicht, neue Vokabeln zu lernen oder einfache Sätze zu bilden, die du dir gut für den Alltag merkst. Obwohl es sich sehr natürlich anfühlt, bist du etwas unzufrieden – es sollte inzwischen doch schon wesentlich mehr da sein. Da es sich für dich leicht anfühlt, glaubst du, es ist für alle anderen einfach.
Umgekehrte Situation bei deinem Freund: Er ist begeistert über seinen Fortschritt. Er hat wenige Wörter und simple Sätze gelernt, die er noch fehlerhaft ausspricht und die grammatikalisch oft nicht stimmen. Er hat wesentlich weniger als du gelernt, seine minimalen Kenntnisse verbauen jedoch die Sicht auf seine Fehler und seinen wahren Status. Ohne Vergleich überschätzt er seine Kompetenz deutlich und erkennt nicht, dass er etwa dir gegenüber hinterherhinkt.
Diese beiden Ausprägungen sind die zentralen Elemente des Dunning-Kruger Effekts. In beiden Fällen ist nicht nur das objektive Maß an Fortschritt bzw. Kenntnis unrichtig, sie sind spiegelverkehrt:
- Die Person mit unterdurchschnittlicher Kompetenz überschätzt sich.
- Die Person mit überdurchschnittlicher Kompetenz unterschätzt sich.
Die Konsequenz: Beide wissen nicht, wo sie wirklich stehen. Beide schätzen ihre Kompetenzen falsch ein. Beide können ihre Talente (etwa rasches Lernen einer neuen Sprache) nicht richtig einordnen.
Was wären die jeweiligen Antworten bei einer beliebten Rekrutierungsfrage: Was sind Ihre Stärken, was sind Ihre Schwächen (bzw. mittlerweile oft lieber als Herausforderungen oder Verbesserungspotenziale bezeichnet)? Was wäre deine Antwort darauf?
Der Hintergrund zum Dunning-Kruger Effekt
Dieses Phänomen wurde erstmals 1999 von den Psychologen David Dunning und Justin Kruger von der Cornell Universität beschrieben. Die Forscher stellten fest, wie sehr College-Studenten ihre schlechten Leistungen im täglichen Leben überschätzten, und prägten den Begriff „Doppelbelastung“ (dual burden). Er beschreibt, dass übermäßig selbstbewusste Menschen unter zwei Dingen leiden können: Unwissenheit sowie Unwissenheit über ihre eigene Unwissenheit. Dunning und Kruger testeten College-Studenten in verschiedenen Bereichen, darunter Humor, englische Grammatik und logisches Denken. Sie fanden heraus, dass diejenigen, die bei einem dieser Tests zu den untersten 25% gehörten, dazu neigten, sich selbst an der Spitze der Gruppe einzuschätzen. Umgekehrt ordneten sich die College-Studenten in den oberen 25% etwas niedriger ein, als sie tatsächlich waren.
Die Forscher führten eine ähnliche Studie mit Cornell-Studenten durch, die gerade ihre Abschlussprüfung abgelegt hatten. Sie baten die Studierenden, ihre eigenen Testergebnisse vorherzusagen, und überprüften sie dann, als sie ihre tatsächlichen Ergebnisse erhielten. Dunning und Kruger fanden heraus, dass der Effekt auch unter diesen organischen Bedingungen konsistent war.
Die beiden Forscher erklärten sich diese Ergebnisse primär mit zwei Faktoren:
- Wichtigkeit des Selbstbilds:
Viele Menschen haben von Natur aus ein positives Selbstbild und wollen glauben, dass sie kompetent und fähig sind. Wenn es dem Einzelnen an Wissen oder Fachkenntnissen in einem bestimmten Bereich mangelt, kann es sein, dass er trotzdem an diesem positiven Selbstbild festhält und seine Fähigkeiten überschätzt. Es kollidiert sonst mit dem Wunsch, sich selbst positiv zu sehen.
- Metakognition:
Die Fähigkeit, die eigenen Gedanken und Handlungen zu reflektieren und zu überwachen, spielt ebenfalls eine Rolle. Das Fehlen metakognitiver Fähigkeiten macht das genaue Einschätzen der eigenen Fähigkeiten schwierig. Wenn es etwa nicht gelingt, eigene Grenzen oder Kompetenzlücken zu erkennen, können Menschen etwa fälschlicherweise glauben, dass sie kompetenter wären, als sie es tatsächlich sind.
Der Effekt wurde in weiterer Folge nach den beiden Entdeckern benannt. Er bezeichnet eine kognitive Verzerrung, bei der Personen mit geringen Fähigkeiten oder Kenntnissen in einem bestimmten Bereich dazu neigen, ihre Kompetenz zu überschätzen. Personen mit höheren Fähigkeiten oder Kenntnissen tendieren eher dazu, ihre Kompetenz zu unterschätzen. Im Prinzip sind sich Menschen, denen es an Fachwissen mangelt, oft nicht bewusst, dass sie inkompetent sind. Diese fehlenden Kenntnisse bzw. Halbwissen führen zu dem Glauben, sie seien in dem entsprechenden Gebiet besser als andere.